D
KI-Börsensignal Erfahrungen von DIE ARD

vor 14 Jahren
27.02.2008 09:10 Das Geschäft mit der Anleger-Angst
von Angela GöpfertDie
Neuro System versteht ihr Geschäft meisterlich: Die Schweizer Crash-Propheten spielen mit der Angst der Anleger und verdienen auch noch daran. Skandalöserweise werden sie dabei von Finanzredakteuren unterstützt.
"Ist der Mega-Crash der weltweiten Ökonomie und Börsen unausweichlich?" Mit dieser reißerischen Überschrift hat die Neuro System Datenverarbeitung AG aus dem Schweizerischen Wollerau erst am Montag (25.2.) wieder um die Aufmerksamkeit der Anleger geworben. Mit Erfolg. Ob Wallstreet Online, Aktienboard oder Ariva: In quasi jedem Börsenforum und jedem Presseportal haben sich die Schweizer seit Jahresbeginn mit einer Flut an ominösen Warnungen vor einem bevorstehenden Börsencrash breit gemacht; ihre Vorhersagen werden von den Usern heiß diskutiert.
Kein Wunder, denn seit dem Crash vom 21./22. Januar liegen bei vielen Anlegern die Nerven blank. Voraussagen von Crash-Propheten, die wie die Schweizer vor einem "neuen Erdbeben" oder einem "Mega-Crash extremen Ausmasses" warnen, fallen da auf fruchtbaren Boden. Zumal sich die Neuro System auf die Fahnen schreibt, vor dem Januar-Crash "bereits offiziell mit Presseerklärung vom 15-01-2008 " gewarnt zu haben.
Mehr zum Top-Thema
Vertrauen Sie Crash-Propheten?
Kam die "offizielle Warnung" schon eine Woche vorher?
Doch nimmt man sich die besagte Meldung vom 15. Januar mit dem Titel "Neuro System AG startet mit neuer Erfolgsserie ins Jahr 2008" einmal genauer vor, so muss man schon viel guten Willen aufbringen, um diese "offizielle Warnung" herauszulesen.
Da heißt es nämlich nur: "Das System hat ein negatives Szenario errechnet, welches in einem Börsencrash enden könnte. Die Anzeichen sind vorhanden, jedoch noch nicht beunruhigend stark. (...) Da das KI-Börsensystem Handelsempfehlungen auf steigende, sowie fallende Kurse generiert ist man bei Neuro System gelassen und sieht der Zukunft positiv entgegen".
Hinter allen steckt die Neuro System
Der Prophet hat immer recht
Somit ist diese Vorhersage nach dem Sprichwort gestrickt: "Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist." In der Wissenschaftstheorie nennt man solche Vorhersagen auch "nicht falsifizierbar", sprich: Sie können empirisch nicht widerlegt werden. Egal was auch passiert: Der Prophet hat immer recht. Wenn man also - wie die Neuro System in ihrer Meldung vom 15. Januar - an der Börse entweder steigende oder fallende Kurse vorhersagt, dann kann man nur ganz schwer falsch liegen.
Das unterscheidet den Abo-Vertreiber auch von ernst zu nehmenderen Crash-Propheten wie etwa den Vermögensverwalter Marc Faber. Der "Dr. Doom" genannte Skeptiker ist durch eine ganze Reihe überprüfbarer und zutreffender Vorhersagen - etwa der Asienkrise, des Platzens der Dotcom-Blase und jüngst der Subprime-Krise - bekannt geworden und hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde.
Ganz, ganz fürchterlich geheime Software
Ein weiterer Unterschied zu "Dr. Doom": Statt auf die Seherqualitäten einer Person setzt die Neuro System auf ein "hochkomplexes Computerprogramm", "dessen Algorithmus und Ort streng geheimgehalten werden", da in dieser Börsensoftware die eigentliche "Genialität" liege.
Wagen wir also ein Gedankenspiel und nehmen mal an, das Schweizer Vorhersage-System funktionierte tatsächlich. Doch warum nutzen dann die Köpfe hinter der Neuro System dieses narrensichere Trading-System nicht für sich selbst, um damit richtig Kasse zu machen, sondern stellen es für lächerliche 299 Euro im Jahr anderen Anlegern zur Verfügung? Schließlich ist die Börse bekanntlich kein Tummelplatz für altruistische Gutmenschen.
Der Versuch eines Interviews
Gerne hätten wir dazu auch den stets als Ansprechpartner genannten Rolf Hunziker befragt. Doch unter der angegebenen Telefonnumer meldet sich nur ein zartes Frauenstimmchen auf Band, das darum bittet, eine Email zu senden. Auf schriftliche Anfrage von boerse.ARD.de hin heißt es dann lapidar, dass Unternehmen wolle eben "den Erfolg mit seinen Kunden teilen".
Ohnehin scheint das Prinzip "Eine direkte Frage verdient eine direkte Antwort" für die Neuro System nicht zu gelten. So bekommen wir auf die Frage, warum das Unternehmen als Adresse die eines Schweizer Treuhandbüros angibt, die Antwort: "Die Geheimhaltung des Systems steht an vorderster Stelle. Nur sehr wenige Personen weltweit kennen den Ort der Server mit der Börsensoftware." Nur: Das wollten wir doch gar nicht wissen! Ebenso wenig ist von der Neuro System zu erfahren, wie viele Mitarbeiter das Unternehmen hat und wie diese genau qualifiziert sind.
"Kreative" Vertriebsvarianten
Fraglich ist nicht zuletzt auch, warum die auf der Seite von Neuro System angezeigte "Performance" auf Kauf- und Verkaufskurse von bereits 2004 verweist, obwohl das Unternehmen doch laut Schweizer Handelsregister-Meldung erst am 4. September 2007 gegründet wurde. Dabei war die Neuro System zugegebenermaßen seither extrem umtriebig. Denn wer dem auf den Pressemeldungen angebenen Link folgt, landet auf der Seite von "Einhorn-Trading". Das ist aber bei Weitem nicht die einzige Seite und nicht der einzige Name, unter dem der ominöse Künstliche-Intelligenz-Börsenbrief vermarktet wird.
Auch hinter "Rosen-Trader", "Boersen-Butler" und "Impulse-Trading" steckt immer die eine Firma, die Neuro System Datenverarbeitung AG, die mit ähnlich klingenden Worten Handelsempfehlungen "auf Basis künstlicher Intelligenz" in Abo-Form vertickt. Bei der Aufspaltung in mehrere "Online-Shops" würde es lediglich "um die bessere Erfassung, Definition und Zuordnung der Marketingaktionen" gehen, heißt es dazu auf Anfrage bei der Neuro System. Wichtigster Unterschied scheint aber eher die Preisdifferenz zu sein: Mal müssen Anleger für ein Drei-Monats-Abo 79, mal 99 Euro blechen.
T-Online macht sich PR-Sprüche zu eigen
Doch der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass hier mal wieder versucht wird, mit der Angst der Anleger zu verdienen. Dieses Geschäftsmodell ist ebenso lukrativ wie uralt. Das wirklich Unfassbare ist vielmehr, dass die Schweizer dabei auch noch Schützenhilfe von Finanzredakteuren bekommen. So prangte die Pressemeldung der Neuro System vom 6. Februar 2008 nahezu unverändert auf der T-Online-Seite Börsen & Märkte.
Das Erschreckende daran: Sie war noch nicht einmal als Anzeige gekennzeichnet, sondern als redaktioneller Beitrag, sogar mit einem Autorenkürzel versehen. Mit einem Umfragetool "Gibt es in den nächsten zwei Wochen einen Börsencrash?" garniert, versprach allein die ebenfalls einfach 1:1 abgekupferte Headline "Stehen wir kurz vor einem Mega-Crash?" T-Online hohe Zugriffszahlen. Für die Neuro System hat es wohl kaum jemals billigere Werbung gegeben!